Praktikum Tag 2
02.09.2008 Michael in Chile
Praktikum Tag Nr. 2
13.45 traf ich mich mit Philip an der Metrostation Union Latinamerikana (ULA). Von dort fuhren wir nach Las Viñitas bis zur Station „Neptuno“. Und wieder weiter in einem Wackelbus. Wobei das Wackeln weniger am Bus als an der Straße lag.
In Las Viñitas angekommen gingen wir zuerst einkaufen. Heute stand als erstes ein gemeinsames Mittagessen auf dem Programm. Dann gab’s einen kleinen Deutsch-Kurs für Claudia meine Chefin. Philip erklärte die Grammatik, ich die Aussprache.
Nach dem Sprachkurs gingen Claudia, Evelin, Maria-Elena und ich einige Familien besuchen. Aufklärungsgespräche über SEDEJ und unsere Funktion im Barrio, über das neue Boletín (siehe Fotos: Las Viñitas) und über die Situation im Stadtviertel. Außerdem war es eine Suche nach neuen Kandidaten die sich als Delegierte eines Blocks aufstellen lassen.
Wieder zurück warten schon die nächsten Damen um von sich Fotos machen zu lassen. Danach besuchten wir noch mal eine Familie und dann war es auch schon 9 Uhr.
Jetzt stand noch ein Gespräch mit Claudia auf dem Programm. Es ging um meine Ziele und Wünsche für das Praktikum und um meine Sprachprobleme. Philip half bei der Verständigung.
Danach gab es für mich noch eine Einführung in die Probleme von Las Viñitas und einen ganz groben Überblick über das System das hinter allem steckt.
Das Projekt Las Viñitas!
Es gibt hier 67 Häuserblocks die sich auf die Gebiete „Las Viñitas 1“, „Las Viñitas 2“ und „Hondonada“ (sprich: ondonada) erstrecken. Für jeden Block soll es einen Delegado/eine Delegada (Abgeordnete) geben. Diese delgados de Block werden von den Bewohnern des Blocks demokratisch gewählt. Dann gibt es „representandes de organizacion soziales“ (Vertreter der sozialen Organisation) und “representantes de sector“. Diese drei zusammen bilden die “base social” (die soziale Basis) und sind im CVD dem „consejo vecinal de desarrollo“ (dem Nachbarschaftsentwicklungsrat) zusammengeschlossen. Aus dem CVD heraus bildeten sich in den letzten Monaten vier „comisiones de trabajo“ (Arbeitsgruppen);
- Salud comision (Gesundheit)
- comunicationes (Kommunikation)
- infrastruktura (Infrastruktur)
- cultura y deporte (Kultur und Sport)
Zu 1. gibt es derzeit ein Projekt, zu 2. auch ein Projekt und zu 4. drei Projekte. Mehr dazu irgendwann später.
Nein der Tag war nach der Arbeit noch nicht vorbei. Philips (eigentlich heißt er Philip aber er wird immer Philips genannt) und meine Compañeros (Arbeitskollegen) hatten nämlich noch Lust wegzugehen…
Da Sozialarbeiter auch hier nicht wirklich viel verdienen stand nur ein Auto zur Verfügung und da die Chilenen den Körperkontakt nicht scheuen fuhren wir zu siebt in die Stadt ins Barrio Brasil. Unser Ziel dort war eine nette Bar mit Musikbox. Musikboxen stehen hier in fast jeder Bar, oft mit Bildschirm für das passende Musikvideo dazu. Lenkt ganz schön ab vom Gespräch aber birgt auch unglaublich viel Gesprächsstoff.
Philip und ich waren offensichtlich die einzigen nicht ganz dunkelhaarigen im Raum und somit vielen wir unseren Nachbarn natürlich auf. Immer mal wieder sagte einer vom weitem etwas was ich meist nicht verstand bis es dann plötzlich englisch zu uns an den Tisch drang. Es ist wirklich nett. Jeder der einen Anspricht scheint irgendetwas über Deutschland zu wissen oder schon mal dort gewesen zu sein oder Freunde oder Bekannte dort zu haben oder zumindest jemanden zu kennen der irgendetwas mit Deutschland zu tun hat oder hatte. Und so hat man immer schnell Gesprächsstoff und wenn es nicht um Deutschland geht dann geht es selbstverständlich um Chile (bei Männern zumindest…) Mein Nachbar links meldete sich auch den ganzen Abend immer wieder und wollte alles Mögliche von mir wissen. Irgendwann gab er dann eine Runde Erdnüsse aus. Lecker. Erdnüsse werden hier oft offen in verschiedenen Geschmacksrichtungen und viel in Kneipen angeboten. Wir haben uns mit Händen und Füßen – nein, mit Händen Kuli und Notizbuch über tausend Dinge unterhalten und hatten eine für alle sicher aufschlussreiche und spannende Nacht. Irgendwann war es 2 Uhr und Joel führte uns zusammen mit Maria Elena einen Cueca vor. Cueca (sprich: Quekka) ist hier ein sehr beliebter und auch häufig und von vielen praktizierter Volkstanz. Irgendwann war es 3 Uhr. Unser Tisch stand voller Bierflaschen (nein es waren nur 2 und mein kleines Coca-Cola-Fläschchen) und langsam wurden wir müde. Also auf zum Auto und schnell ins Bett.
Die Heimfahrt mit dem Auto allerdings gestaltete sich etwas schwierig. Auch in Chile bleiben die Autos stehen wenn man das Licht anlässt. Schieben half nichts. Dem ADAC war es zu weit und ein Starthilfekabel haben hier wohl auch die Wenigsten.
Der Weg bis zu meinem Domizil dauerte ungefähr 30 bis 45 Minuten. Die anderen haben mich alle begleitet da es gefährlich sein soll nachts allein in der großen Stadt und sie hatten alle etwas Angst um mich. Alle außer mir. Nachdem die Haustür hinter mir ins Schloß fiel waren sie dann beruhigt und ich hatte ein schlechtes Gewissen da die anderen jetzt ohne mich ihre Wege heim finden mussten.
Sie haben es alle geschaft.