Domingo - Sonntag

Veröffentlicht auf von Chili

24.08.2008 20:19        Michael in Chile

 

Domingo – Sonntag

Und was macht man am Sonntag. Mann geht in die Kirche, Frau natürlich auch, aber dazu später mehr. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen, als in die Kirche gehen. Gestern habe ich ein Plakat gesehen (siehe Fotos) „Gran Cumbre Ranchera“ in der Calle (Straße) Mapocho 4117.  Da wollt ich also heute hin, dachte mir so ein großes Musik Spectaculo das könnte was sein für einen Sonntagnachmittag.

Das erste Problem bestand jetzt darin die Straße zu finden. In einem Stadtplan der nicht die ganze Stadt zeigt und keine Straßennamen in einem Index hat ist das nicht so einfach wenn man keine Ahnung hat. Einen Anhaltspunkt gab es. Mapocho. Der Fluss durch die Stadt heißt Río Mapocho, da lag es irgendwie nahe die Straße in der nähe des Flusses zu suchen. Und tatsächlich da war sie. 3 Blocks nach Norden und schon fängt die Straße an.

Das war dann auch schon das zweite Problem. Da fing die Straße nämlich wirklich an. Und um das Problem zu verstehen hier ein kleiner Exkurs zum Straßensystem der Stadt.

 

Exkurs Straßen in Santiago

Das Straßensystem der Stadt ist meist rechtwinklig aufgebaut. Das heißt es gibt Straßen von Ost nach West und Straßen von Nord nach Süd. Das Gebiet der Häuser zwischen zwei Straßen nennt man Block. Ein Block, also die Häuser zwischen zwei parallel verlaufenden Straßen, hat normal 100 Hausnummern. Und ist normal ca. 100 m lang. Die Hausnummern gehen alle von der Plaza Italia aus in die vier Himmelsrichtungen. Die Plaza Italia (Hausnummer 0) ist von meiner Wohnung aus ungefähr 3 Blocks nach Süden und 15 Blocks nach Osten. Ich wohn in Rosas 1488. Fast 1500 also 15 Blocks was wiederum ca. 1500 Meter sind. Mit diesem wissen ist es sehr einfach sich in der Stadt zurechtzufinden. Einen Stadtplan braucht man hier nur zur groben Orientierung und um zu wissen wo welche Straße ist oder welches Museum steht. Es ist also sehr wirklich sehr einfach sich hier zurechtzufinden. Selbst für mich. Ich musste bis jetzt auch noch nie den Bus oder die Metro benutzen.

 

Das zweite Problem war die Hausnummer. 4117. Minus 1500 bleiben immer noch ca. 2600 Meter bis zum Ziel. Gehen sie nicht über Los und fahren sie nicht mit dem Bus. Ein ganz schönes Stück also zu Fuß. Zum einen musste ich zu Fuß gehen, da ich noch keine „bip!“ hatte und zum anderen wollte ich zu Fuß gehen da man so mehr von der Stadt sieht. Um es netter zu haben lief ich nicht die Straße entlang sondern im Parque de los Reyes (dem Park der Könige) entlang, der wohl zu Ehren des spanischen Königspaares so heißt. Der Park ist schmal und lang und verläuft genau parallel zum Río Mapocho in westlicher Richtung. Im Park lagen, es war sehr warm, überall Pärchen im Graß oder gingen Eltern mit ihren Kindern spazieren. Der Ausblick in Richtung Osten zu den Anden war heute schon sehr viel besser als bisher und der Blick auf unseren Stadtberg den Cerro San Christóbal (auch im Osten aber nur 1,5 km entfernt) war schon fast wunderbar. Aber ich ging ja nach Westen und da kam eine Brücke. Sie war groß und breit aber ich war mir nicht wirklich sicher ob ich das überleben würde. Drunter eine viel befahrene Straße und die Brücke mit quer liegenden Holzdielen zwischen Metallträgern aufgelegt. Und mit aufgelegt meine ich auch aufgelegt. Das heißt sie waren relativ unbefestigt, zumindest hatte ich den Eindruck, und lagen, so verzogen das Holz von Regen und Sonne auch war, einfach auf und wackelten an manchen stellen schon sehr verdächtig. Es ging natürlich alles gut. Der Park ist echt schön, verläuft aber leider schräg und weg von der Calle Mapocho. Mittlerweile war ich also ca. 5 Blocks weiter nördlich als ich sein wollte. Aber es hat sich gelohnt. Ein großer Skaterpark der für meine Verhältnisse ziemlich perfekt aussah. Wäre ich Skater würde ich mich hier sicher sehr wohl fühlen. Die Jungs und Mädels waren zum Teil richtig gut.

Jetzt scharf linkt und die 500 m zurück zur Mapocho. Und dann ging es weiter bis Hausnummer 4117. Heute ist es richtig warm. Alle waren im T-Shirt unterwegs, nur ich hatte einen schwarzen Pullover an. Zu warm, zu kalt. Ich komm mir vor wie daheim.

Santiago ist insgesamt eine eher flache Stadt. Wobei im Zentrum immer mehr Hochhäuser entstehen, aber was auf jeden Fall auffällt ist, dass die Häuser immer kleiner werden, je weiter man nach außen kommt. Meist auch einfacher, wobei das sicher nicht immer stimmt.

Des langen Weges kurzer Sinn ich ging nicht zu dem Spektakel hin. Hatte schon 3h vorher angefangen (was ich wusste) und hörte sich von außen nicht so an als ob ich mir das heute hätte antun wollen, ganz zu schweigen davon, dass ich keine Kamera dabei hatte. Stattdessen ging ich gegenüber in einen Laden des hiesigen Verkehrsverbundes und leistet mir für 1200 Pesos eine „bip!-Karte“.

 

Exkurs „bip!“

Die „bip!-Karte“ (tarjeta bip) ist das einfachste Zahlungsmittel für Bus und Metro. Einmal kaufen und immer wieder mit Geld aufladen. Hab es bis jetzt allerdings noch nicht ausprobiert. Also später mehr dazu.

 

Um wieder Neues zu sehen ging ich auf dem Rückweg parallel zur Calle Mapocho aber 6 Blocks weiter im Süden. Und so stieß ich auf den Parque Quinta Normal (ZEN-Navigation funktioniert auch hier sehr gut). Der Park ist 40 ha groß und bietet eine Menge Möglichkeiten für Familien mit Kindern sich hier zu vergnügen. Es gibt große Drei- und Vierräder die man ausleihen und mit denen man den Park erkunden kann und es gibt unglaublich viele Händler die einem alles Mögliche verkaufen wollen. Aufdringlich ist hier keiner. Ist also sehr angenehm hier, wie übrigens in der ganzen Stadt, in der ich bisher war. Wie das hier mit den Museen funktioniert ist mir auch noch nicht ganz klar. Eintritt normal für Erwachsene 600 Pesos aber heute war wohl Tag der offenen Tür. Praktisch. Ich ging also in eines der 3 Museen die es im Park gibt. Ins Museo Nacional de Historia Natural, das Chiles Naturgeschichte zeigt. Über den Link (http://www.dibam.cl/historia_natural/index.asp) (siehe auch Links) kann man sich einige Bilder vom Museum ansehen und sich einen kleinen Überblick verschaffen. Das spektakulärste war wohl die Mumie des 8-Jährigen Inka Jungen der nicht weit von Santiago in den Bergen gefunden wurde und dort in grauer Vorzeit erfroren ist. Es sind aber auch viele Tiere der Andenregion ausgestellt und die Naturgeschichte Chiles wird ausführlich und recht anschaulich erklärt. Manchmal schon so anschaulich, dass man sich das in einem deutschen Museum kaum vorstellen kann. Man ist hier tatsächlich näher dran.

Nach der Park und Museumsbesichtigung wollte ich eigentlich, den Heimweg antreten. Leider kam mir da ein „kleiner“ Kirchturm dazwischen, der mir am Ausgang des Parks auffiel und den ich unmöglich rechts hätte liegen lassen können. Umso näher ich der Kirche kam umso dichter wurde der Pilgerstrom und genau das war es dann auch, eine Wallfahrt zur Basílica de Lourdes anlässlich des 150 Jahrestages der Marienerscheinung in der Grotte von Lourdes (Südwestfrankreich). Die Grotte ist gegenüber der Basílica recht genau nachgebaut worden und steht für die Wallfahrer bereit. Praktisch.

Da die Türen weit offen standen und Musik aus der Kirche kam, ging ich rein. Gottesdienst. Oder ein Konzert? Die Kirche war auf jeden Fall voll alle standen in den Kirchenbänken und im Chor spielte eine chilenische Gruppe chilenische Folklore. Der Pfarrer klatschte und wippte mit und das Publikum applaudierte. Die Kirche war aus und wer wollt konnte sich noch den Segen abholen. Um die Stimmung noch etwas auf mich wirken zu lassen setzte ich mich in eine der Bänke. Plötzlich kam eine Frau zwischen 50 und 60 Jahren auf mich zu und fragte: „Donde eres?“ ich verstand nicht gleich und sie fragte noch mal wo ich herkomme und ich antwortet. Dann sagte sie mir das sie auch etwas auf deutsch sagen könne: „Ich liebe Dich.“ und „Auf Wiedersehen!“. Ich hab mich gefreut, so was bekommt man ja nicht alle Tage von einer fremden Frau zu hören, und sie war auch glücklich. Hat mich etwas an meine Mutter erinnert. War super. Dann nahm sie mich mit, zum Kirchenausgang und sagte, dass es da noch etwas zu sehen gäbe. Zuerst sah ich nur sehr viele Menschen, dann hörte ich dieselbe Gruppe die auch schon in der Kirche gespielt hatte schließlich sah ich auch, über die Köpfe hinweg, was vor sich ging. Es war eine art Brauttanz, oder eher ein Balzritual. Auf jeden Fall war es schön anzusehen. Frauen und Männer tanzten immer Paarweise aber sie berührten sich nie. Jeder hatte ein weißes Tuch in der Hand und versuchte den anderen zu umgarnen. Das Tuch durfte den anderen berühren. Und bei jedem weiteren Musikstück wechselten die Paare oder auch nicht. Wie man wollte und alle konnten nach belieben mitmachen. Meine „Geliebte“ war auch mit dabei. Voll. Das war heute wahre Erlebnispädagogik mit richtigen Erlebnissen. Auf dem Rückweg, 100 m von meiner Wohnung entfernt noch eins. Das Gebäude (ein Theater) an dem ich schon öfter vorbei ging und von dem ich dachte, dass es renoviert würde, war hell erleuchtet und von Sicherheitsbeamten bewacht. Da ich wohl sehr interessiert aussah sprach mich ein Mann an den ich tatsächlich kaum verstand. Die Worte klangen aus seinem Mund so anders als in der Sprachschule. Und was kam raus? Eine Karte für die Veranstaltung für 25000 Pesos (ca. 32 Euro). Ich lehnte dankend ab und er gab mir die Hand.

 

Endlich weiß ich wie die Heizung funktioniert!

 

Gute Nacht

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Veröffentlicht in Leben in Santiago

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