Globale Gesundheit - Global Health Watch 2 (1/3)

Global Health Watch 2

 

Ein alternativer Weltgesundheitsbericht (1/3)

 

veröffentlicht bei Zed Books/London

 

Ein Überblick

 

Was ist der “Global Health Watch” (GHW)?

 

Der Global Health Watch 2 präsentiert - wie sein Vorgänger im Jahr 2005 - eine alternative Perspektive auf die globale Gesundheitssituation im 21. Jahrhundert. Er setzt die zentralen Gesundheitsprobleme in ihren politischen und ökonomischen Kontext und stellt dabei die

gesundheitliche Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, Mächtigen und Marginalisierten heraus. Der Bericht betont die Notwendigkeit die zugrunde liegenden, gesellschaftlichen Faktoren von Krankheit und gesundheitlicher Ungleichheit anzugehen. Der GHW 2 ist ein Aufruf an Regierungen, internationale Institutionen und die Zivilgesellschaft den Prinzipien, moralischen Werten und Begründungen der „Erklärung von Alma Ata“ von 1978 über die

Basisgesundheitspflege wieder Geltung zu verschaffen. Ein Aufruf, der unter den Bedingungen der Globalisierung, der neoliberalen Hegemonie und der Bedrohung durch den Klimawandel zunehmend drängender geworden ist. Ganz entscheidend betont er, dass die globalen Gesundheitsinstitutionen aufrichtig und verantwortlich agieren müssen.

Der Bericht wendet sich an die große Gemeinschaft der im Gesundheitssektor Beschäftigten und an soziale Aktivisten. Die Autoren sind überzeugt, dass eine transnationale Bewegung der Verfechter einer sozialen Medizin und öffentlichen Gesundheit gegen Ungerechtigkeit, Profitgier und politische Apathie aufbegehren kann. Der Entstehungsprozess des GHW bringt Organisationen der Zivilgesellschaft, akademische Institutionen sowie Nicht-Regierungs-Organisationen zusammen und wird unterstützt vom weltweiten Netzwerk der Gesundheitsbewegung der Menschen (People’s Health Movement PHM).

Der vorliegende Text bietet einen inhaltlichen Überblick des GHW 2 und stellt einige der zentralen Kapitel heraus. Das komplette Inhaltsverzeichnis ist am Ende dieses Dokuments zu finden.

 

Globale Gesundheit: der Bedeutungszuwachs verdeckt eine beunruhigende Realität

 

Das Bewusstsein für globale Gesundheit hat in den letzten Jahren wesentlich zugenommen. Dieser Prozess ist teilweise von der Aufmerksamkeit für eine Reihe von einzelnen, viel beachteten Krankheiten vorangetrieben worden. Gesundheitsaktivisten, Nichtregierungsorganisationen, die Gates-Stiftung und verschiedene Prominente haben die mediale Aufmerksamkeit auf die Notlage von Millionen Menschen gerichtet, deren Krankheiten nicht behandelt werden oder die unnötig früh sterben.

Gesundheit ist nun das Thema vieler internationaler Konferenzen und erscheint sogar auf der Agenda von G8-Treffen. Zahlen der Weltbank zufolge haben sich die Entwicklungshilfeausgaben für Gesundheit zwischen 1990 und 2005 von 2,5 Milliarden auf fast 14 Milliarden US-Dollar erhöht (D1.1). Außerdem hat es eine Vervielfältigung globaler

Akteure gegeben. Inzwischen gibt es 40 bilaterale Geber, 26 UN-Behörden, 20 globale und regionale Fonds, sowie über 90 globale Gesundheitsinitiativen (D1.1).

Diese Zunahme von Ressourcen und Akteuren verdeckt jedoch eine beunruhigende Realität. Gesundheitliche Ungleichheiten haben zugenommen. Die Kluft zwischen der Lebenserwartung in armen Ländern auf der einen und OECD-Ländern auf der anderen Seite hat sich in den letzten 30 Jahren weiter vertieft. Mehrere hundert Millionen Menschen haben immer noch keinen Zugang zu unentbehrlicher medizinischer Versorgung und den grundlegenden Vorrausetzungen für Gesundheit. Die ungenügenden öffentlichen Finanzen in vielen Ländern führen zu Nutzungsgebühren für die medizinische Basisversorgung und

wirken als Zugangshindernis zur Gesundheitsversorgung oder verstärken Verarmung. Sogar in reicheren Ländern finden gefährdete Gruppen wie Migranten und Asylbewerber kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung.

Die reiche Welt - abgesehen von einer handvoll nordeuropäischer Länder - ist immer noch weit davon entfernt das in der UNO vereinbarte Ziel zu erreichen und 0.7% des nationalen Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe bereitzustellen. Der so genannte „Hilfsboom“ von 2006 und 2007 war größtenteils ein Ergebnis der Schuldenerlasse für Nigeria und den Irak, sowie der Nothilfe nach dem Tsunami im indischen Ozean (D2).

Während die Ausgaben für globale Gesundheit angestiegen sind, sind zentrale öffentliche Gesundheitsaufgaben missachtet worden. 4500 Kinder sterben jeden Tag allein aufgrund mangelnder Hygiene und fehlender sanitärer Einrichtungen. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass die Millennium Entwicklungsziele für Wasser und sanitäre Entsorgung nicht erreicht werden. 40% der Weltbevölkerung haben keine adäquaten Sanitäreinrichtungen. Sie leben in einer „stinkenden Welt voll ungeklärter Scheiße“. In ihrer Realität fehlt jede Annehmlichkeit und Privatsphäre beim Stuhlgang und anderen intimen persönlichen

Hygieneaktivitäten. Dies führt unter anderem dazu, dass viele Mädchen die Schule abbrechen (C5).

Trotzdem ist der Anteil der Entwicklungshilfe, der für die Verbesserung des Zugangs zu sauberem Wasser und angemessener sanitärer Versorgung vorgesehen ist, seit 1990 sogar gefallen (C5). Während dessen bezahlen Slumbewohner in Lagos 40mal mehr für Wasser als

Einwohner der Innenstadt von New York.

Der letzte Anstieg der Lebensmittelpreise hat die Aufmerksamkeit auf die seit Jahren zurückgehende Entwicklungshilfe für den landwirtschaftlichen Sektor gelenkt, was verheerende Effekte für arme Familien, besonders in ländlichen Gebieten hatte.

Die gestiegenen Finanzmittel für globale Gesundheit sind in vielen Fällen nicht sinnvoll oder effizient eingesetzt worden. Die Koordination und Kohärenz zwischen Spendern und globalen Gesundheits­institu­tionen fehlt häufig. Dazu kommen gestiegene Transaktionskosten durch verwirrend viele Akteure und einer zunehmenden Anzahl von hoch bezahlten Beratern und Bürokraten. Nur geringe Mittel fließen in die Stärkung und den Ausbau des Personals im öffentlichen Gesunds­heitssektor oder in die Unterstützung langfristiger  Entwicklungsstrategien für die Gesundheitssysteme (D1.3). Die wenigen positiven Ent­wick­lungen im Bereich der Personalentwicklungsstrategien, wie z.B. das sechsjährige Notfallpersonalprogramm Malawis für seinen Gesundheitssektor, stehen im scharfen Gegensatz zur fortgesetzten Strategie des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Gehälter im öffentlichen Sektors zu begrenzen.

Die Gesundheitsforschung ist maßgeblich beeinflusst von Macht und Profit. Der medizinische und gesundheitliche Forschungskomplex wird dominiert von der Profitlogik der Pharmaindustrie und dem System des geistigen Eigentums, welches Ineffizienz fördert in dem es wissenschaftliche Kooperationen und innovative Untersuchungen erschwert und Geld für Marketing und Überproduktion verschwendet.

Obwohl 60% der pharmazeutischen Forschung- und Entwicklung vom öffentlichen Sektor bezahlt werden, wurden diese Mittel überwiegend für die Entwicklung von Medikamente mit zweifelhaften oder nur geringfügigen Verbesserungen eingesetzt. (B5).

Globale Gesundheit wird zunehmend mit globalen Sicherheits­strategien verknüpft, auch mit denen des „Krieg gegen den Terror“. Dies hat dazu geführt, dass HIV/AIDS, globale pandemische Gefahren und Biosicherheit seitens der reichen Länder dazu genutzt

werden um außenpolitische Ziele und die Kontrolle der Migrations­bewegungen voranzutreiben. Humanitäre Hilfe wird dazu zweckentfremdet. So erhält beispielsweise das US-Verteidigungs­ministerium im Moment 22 Prozent der US-Entwicklungshilfe.

Unterentwicklung und schlechter Gesundheitszustand werden als Sicherheitsrisiken eingestuft, die nicht als drängende Gründe für die Beseitigung der Armut verstanden werden, sondern stattdessen der Eindämmung und Kontrolle bedürfen.