Aktionen der Zivilgesellschaft für eine bessere Gesundheit

Global Health Watch 2

 

Ein alternativer Weltgesundheitsbericht (3/3)

 

 

Macht und Prioritäten – wer bestimmt die Agenda?

 

Die globalen Gesundheitskrisen werden oft als Probleme dargestellt, die unglücklich, unvorhersehbar oder tragisch sind. Sie werden kaum verstanden als ein Ergebnis einer Politik, die im Interesse der Reichen und Mächtigen arbeitet. Macht und Machtmissbrauch sind daher ein zentrales und die unterschiedlichen Kapitel verbindendes Thema des GHW 2.

Ein anschauliches Beispiel ist die Öl-Industrie im Niger Delta (C6). Die Existenz von Öl sollte eigentlich ein Segen für die dort lebenden Menschen sein. Stattdessen war sie ein „Fluch“, der zu Gewalt, Unterdrückung, Armut und Ausbeutung geführt hat, welche die lokalen Gemeinden verwüstet hat (C6). Trotz der Milliarden von Dollars aus dem

Erlös des Ölverkaufs ist nur ein kleiner Teil bei den lokalen Gemeinden angekommen - zu wenig um auch nur eine rudimentäre Gesundheitsversorgung für sie aufzubauen.

In der reichen entwickelten Welt fehlt Asylbewerbern und Migranten der Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung (B3). Die entwickelte Welt beherbergt nur 30 Prozent der offiziellen Flüchtlinge und Asylbewerber weltweit. Aber sie ergreift zunehmend schärfere

Maßnahmen um Menschen davon abzuhalten Asyl bei ihnen zu suchen.

In Australien wurden beispielsweise 160 Millionen Dollar Auslandshilfe dazu benutzt, Asyl­bewerber in Internierungslagern vor der Küste einzusperren. Während reiche Länder von der Gewinnung der Rohstoffe aus vielen armen Länder profitieren, werden die Menschen aus die­sen Ländern, die ein besseres Leben suchen, stigmatisiert, gemieden und inhaftiert. Vielen wird ihr Recht auf grundlegende Gesundheitsversorgung verwehrt. Überdies fehlt in den

In­ter­­nierungslagern eine Behandlung, der bei den Menschen dort weit verbreiteten De­pres­sio­nen: Laut einer US-Studie litten 86 Prozent der Interviewten unter ernst­zu­nehmen­den Depressionen.

Eine weitere Gruppe, der von den sozialen Konsequenzen von Armut und Ungleichheit Benachteiligten, sind die - Stand Ende 2006 - 9 Millionen Menschen und über eine Millionen Kinder in den Gefängnissen der Welt, die dort unter häufig entsetzlichen Bedingungen

eingesperrt sind. Überdurchschnittliche Infektionsraten von TB und HIV, überfüllte Zellen und unmenschliche Bedingungen sind allgemeine Probleme. Psychische Erkrankungen sind häufig und können auch ein Hauptgrund für die Inhaftierung sein, wenn die „psychosozialen Dienste der Gemeinden zersplittert, unterfinanziert und unfähig dazu sind, die Armen zu betreuen“ (B4).

Der “Krieg gegen den Terror” höhlt die bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechte aus. Ebenso führt er zu fragwürdigen Präventionsmaßnahmen, wie Pockenschutzimpfungen, die drei Menschen tötete (C2). Währenddessen haben die fortdauernden Unsicherheiten über die Definition des Terrorismus dazu geführt, dass der sich ausbreitende Staatsterrorismus von Guatemala über El Salvador und Tschetschenien bis in den Irak nicht als solcher erkannt

wurde.

Gesundheitsforscher können eine kritische Rolle dabei spielen, das Ausmaß der vollen menschlichen und sozialen Kosten eines Konfliktes zu ermessen und darin auch Verstöße gegen die Genfer- Konvention zu dokumentieren. Trotzdem hat es Umstände gegeben

unter denen ihre Arbeit in Frage gestellt wurde, wenn die Resultate politisch unbequem waren. Es gibt daher die Notwendigkeit für universell akzeptierte und nachvollziehbare Methodologien, die solche politisch motivierte Kritik erschweren (C2).

Soziale Ungleichheiten sind wichtige zugrunde liegende Faktoren für psychische Erkrankungen - mit Verbindungen zu Sprache, Kultur und Macht (B2). Eine biomedizinische und „individualistische Selbstwahrnehmung“, ist als Teil psychologisch/psychiatrischer

Programme und humanitärer Hilfe exportiert worden und trägt zum Aufdrängen von unangemessenen Politiken und Interventionen bei.

Während Anstrengungen unternommen wurden um humanitäre Hilfe rechtlich besser zu verankern - beispielsweise durch nützliche und fortdauernde Initiativen wie das „Sphere“-Projekt - schafft es die Weltgemeinschaft nach wie vor nicht, humanitäre Hilfe gerecht zu

verteilen (C7). Überdies verschwimmen die Grenzen zwischen humanitärer Hilfe und militärischen Interventionen zunehmend.

Wie weiter gehen? – Die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas. Die Umsetzung der Forderung “Gesundheit für alle” ist möglich. Aber eine Veränderung der globalen politischen Ökonomie und der globalen Regierungsstrukturen wird notwendig sein, um drei der großen

Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzugehen: Die Beseitigung der Armut, die Realisierung des Menschenrechtes auf eine gute Gesundheitsversorgung und die Kontrolle des Klimawandels.

Die Kontrolle des Klimawandels wird nicht durch die Bevorzugung des ökonomischen Wachstums gegenüber einer faireren Ressourcenverteilung erreicht werden. Schon der grundsätzliche Ansatz zur Reduktion des Kohlenstoff-Ausstoßes durch den „Schadstoffhandel“ ist zutiefst fehlerhaft. Beispielsweise spiegelt und vertieft der

Schadstoffhandel durch die Akzeptanz eines einheitlichen Preises sowohl für die „Luxus-Schadstoffemissionen“ der Reichen als auch die „Überlebensemissionen“ der Armen nur die Ungleichheit. Er trägt außerdem auch zur „Privatisierung der globalen Kapazitäten zur

Erhaltung eines lebensfreundlichen Klimas“ bei (C1) und lenkt von den Mobilisierungen und politischen Organisationen ab, die es braucht, um diese globale Krise anzugehen.

Ein alternatives Gesundheitsmodell muss darauf basieren, den Lebensgrundlagen der Armen gegenüber der Ausweitung des unnötigen Konsums eine klare Priorität einzuräumen. Das heißt auch die Ermutigung von kleinen und erneuerbaren Technologien, die gezielt auf

die Bedürfnisse der Armen gerichtet sind und die Bereitstellung einer stärkeren Unterstützung für einen demokratischen und verantwortlichen öffentlichen Sektor. Schulden, Steuern, Handels- und geistige Eigentumsrechte - all dies wird durch die Brille der Menschenrechte und im Lichte der wachsenden globalen Ungleichheit neu beurteilt werden müssen.

Das ist eine einschüchternde Aufgabe, aber Mut und Inspiration lassen sich bereits in vielen Teilen der Welt finden, insbesondere in jenen, die vom bestehenden globalen System am meisten benachteiligt werden - und der GHW 2 beschreibt viele Beispiel dafür.

 

Inspiration, Mut und Widerstand – Aktionen der Zivilgesellschaft für eine bessere Gesundheit

 

Millionen Menschen engagieren sich schon bei politischen und sozialen Aktionen: indigene und ländliche Gemeinden unternehmen direkte Aktionen gegen den Diebstahl ihres Landes

und Wassers; Beschäftigte aus dem Gesundheitssektor ignorieren die offiziellen Anweisungen, Asylbewerbern und Flüchtlingen die grundlegende Gesundheitsversorgung zu verweigern; Arbeiter kämpfen gegen die Brutalisierung der Gewerkschaften durch

Großkonzerne; Juristen und Buchhalter arbeiten für Nichtregierungsorganisationen, um das Verbrechen der Steuerflucht von Reichen herauszustellen und Journalisten riskieren ihr Leben, um die Korruption in der Waffenindustrie aufzudecken (E).

Das People’s Health Movement (PHM) hat eine globale Kampagne für das Recht auf Gesundheit und Gesundheitsversorgung gestartet, die bereits in vielen Ländern aktiv ist und weiter wächst.

Jan Swasthya Abhiyan (PHM Indien) hat durch öffentliche Zeugenaussagen und Beratungen für den Zugang zur Gesundheitsversorgung gekämpft. Diese Kampagne führte zu einem öffentlichen, landesweiten Hearing über das Recht auf Gesundheitsversorgung und letztlich einem nationalen Plan zur Umsetzung des Rechtes auf Gesundheit (E).

Die Alternativen zum allgemeinen Politikansatz des „Washington Consensus“ bieten ebenfalls Hoffnung. Beispiele dafür sind regionale Handelsabkommen wie die „Bolivarische Alternative für die Amerikas“ und die „Chiang Mai Initiative“ in Südostasien (A).

Als Reaktion auf die Privatisierung der Nahrungssysteme der Welt fordern Gruppen der Zivilgesellschaft wie die internationale Bauernbewegung, La Via Campesina, Nahrungs­mittelsouveränität und die Kontrolle über ihre eigenen Nahrungsmittelvorräte (C3 & A).

Es gibt positive Entwicklungen beim Aufbau von rechtlichen Strukturen und Instrumenten zum Schutz der Menschenrechte. Momentan gibt es vier Gerichtsverfahren gegen transnationale Öl-Konzerne, die in der Delta-Region von Nigeria operieren. Initiativen

wie die freiwilligen Verhaltensregeln „Prinzipien für Sicherheit und Menschenrechte“ versuchen ebenfalls die Rohstoffindustrie und ihre einflussreichen Kollaborateure zur Verantwortung zu ziehen (C6).

Ein kleiner Sieg gegen die globale Waffenindustrie wurde in Großbritannien erzielt, als eine zivilgesellschaftliche Kampagne zusammen mit der Redaktion der medizinischen Fachzeitschrift Lancet den multinationalen Konzern Reed Elsevier - der die Lancet und viele andere akademische Zeitschriften besitzt – davon überzeugte, seine Anteile am internationalen Rüstungsgeschäft zu verkaufen (C2).

Es gibt lokale Initiativen, wie die kommunalen Wasserräte in Venezuela und der Environmental Sanitation Initiative in den indischen Slums von Madhya Pradesh, um die Wasserversorgung und die sanitäre Situation in den städtischen Gegenden zu verbessern (C4). Die Verbesserung der sanitären Anlagen in den Schulen hat die Schulbesuche von Mädchen in Bangladesh um 11% erhöht (C5). Städte und Gemeinden, die Teil der WHO Bewegung für gesunde Städte sind, haben viele positive Initiativen wie „Water Communal Councils“ (C4) eingerichtet.

Es gab eine inspirierende Arbeit von vielen Akademikern und Aktivisten um die Preise für lebenswichtige Medikamente zu senken. Diese hat den Weg dafür bereitet, dass die „WHO

Kommission zu geistigem Eigentum, Innovation und öffentlicher Gesundheit“ bessere Wege für die Finanzierung von Forschung und Entwicklung (R&D) - wie z.B. Prämienfonds - für

vernachlässigte Krankheiten prüft. Nichtregierungsorganisationen haben auch daran mitgewirkt einkommensschwächere Länder dabei zu unterstützen Zwangslizenzen zur Bereitstellung von lebensrettenden Behandlungen zu nutzen. Die Produktion einer

Therapie für Hepatitis C für nur 1,5% der üblichen Kosten wurde von einer innovativen Allianz zwischen engagierten Wissenschaftlern und einem indischen Pharmaunternehmen

durchgesetzt (B5).

Es gibt ernsthafte Versuche von Seiten der Zivilgesellschaft und einiger Regierungen die Bedürfnisse von schwachen Gruppen besser zu befriedigen. Spanien hat z.B. das Recht von Migranten auf eine Gesundheitsversorgung unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus in seinem nationalen Recht verankert (B3).

Währenddessen wurden Aktionen unternommen, um den Zugang von Gefängnisinsassen zur medikamentösen AIDS-Behandlung zu gewährleisten (B4).

Der GHW2 beschreibt klar und deutlich warum die aktuelle Weltordnung gesundheitsschädlich ist und stellt die Dringlichkeit von Aktionen und Widerstand heraus. Er ist eine Quelle, die von allen genutzt werden kann, die einer gesünderen und gerechteren Welt verbunden sind.

Kopien des GHW2 sind erhältlich bei Zed Books unter

http://www.zedbooks.co.uk/book.asp?bookdetail=4250

und online unter www.ghwatch.org/ ab November 2009.

 

Verzeichnis Kapitel GHW2

 

A. Ein alternatives Entwicklungsparadigma

B. Der Gesundheitssektor

B1 Verteidiger der Gesundheitssysteme

B2 Psychische Gesundheit: Kultur, Sprache und Macht

B3 Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migranten und Asylbewerber

B4 Häftlinge

B5 Medikamente

 

C. Jenseits des Gesundheitswesens

C1 CO2-Handel und Klimawandel

C2 Terror, Krieg und Gesundheit

C3 Reflektionen zur Globalisierung, Handel, Nahrung und Gesundheit

C4 Urbanisierung

C5 Die Sanitär- und Wasserkrise

C6 Ölförderung und Gesundheit im Nigerdelta

C7 Humanitäre Hilfe

C8 Bildung

 

D. In die Pflicht nehmen

D1 Globale Gesundheitssteuerung

D1.1 Die globale Gesundheitslandschaft

D1.2 Die WHO und die “Commission on the Social Determinants of Health”

D1.3 Die Gates Stiftung

D1.4 Der „Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria”

D1.5 Die Weltbank

D2 Staatliche Hilfe

D2.1 US-Auslandshilfe und Gesundheit

D2.2 Kanadische und australische Gesundheitshilfe

D2.3 Sicherheit und Gesundheit

D3 Transnationale Kooperationen

D3.1 Schutz des Stillens

D3.2 Tabak-Kontrolle: Regierungen zu Aktivitäten drängen

 

E. Postskriptum des Widerstandes

 

 

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