Erster Erfahrungsbericht - Praxissemester in Chile

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Erfahrungsbericht

 

Praxissemester in Santiago de Chile vom 15.08.2008 bis 23.03.2009

Chile ist das, im Verhältnis zur Breite (ca. 200 km), längste Land (ca. 4000 km) der Welt und hier durfte ich mein Praktikum der Sozialen Arbeit verbringen. Und gleich vorab: Es war genial! Und für alle die gerne zu spät kommen, sei hier gleich am Anfang gesagt, dass sie sich dadurch auf keinen Fall aufhalten lassen sollten. Alles ist möglich!

 

Also zu den Vorbereitungen des Praktikums. Eins stand fest; Ich wollte ins Ausland. Die Grenzerfahrung Ausländer unter Ausländern also den Einheimischen eines fremden Landes zu sein, wollte ich auf jeden Fall machen. Und um auch eine sprachliche Herausforderung zu haben und trotzdem nicht ganz überfordert zu sein, beschloss ich in ein spanischsprachiges Land im lateinamerikanischen Raum zu gehen. Die Sprache, so dachte ich, nach den Spanischkursen an der Hochschule, kann ich ja schon etwas. Wie man sich täuschen kann.

 

Den Kontakt zu meiner Praxisstelle bekam ich über ContactChile, einer deutschen Organisation in Chile welche Praxisstellen, Zimmer uvm. an Menschen aus der ganzen Welt vermittelt. Der ganze Vermittlungsprozess hat nicht länger als 2 Monate gedauert (Glück gehabt) und war völlig unproblematisch, auch die Kosten hielten sich in einem guten Rahmen. Zu den Kosten insgesamt gibt es anzumerken, dass ich alles selbst finanzieren musste. Dazu gehörten: die Vermittlungsgebühr, für die ich aber eine, während des ganzen Aufenthaltes, stets gleich bleibende und hochwertige deutschsprachige Betreuung bekam, der Flug als teuerster Einzelposten, Wohnen, Essen, Leben, Auslandskrankenversicherung, Sprachkurs im Land und diverse Ausflüge, Aktivitäten und Reisen. Aus Altersgründen gab es für mich leider keine monatliche oder sonstige Bezuschussung, was etwas ärgerlich war. Durch die gute Beratung der Hochschule kam während des Praktikums dann doch noch eine Zusage über eine Unterstützung des Landes Baden-Württemberg. Sehr freundlich.

 

Die ca. 24-stündige Reise nach Chile ging bei mir von Stuttgart über Paris, Sao Paulo und schließlich nach Santiago de Chile der Hauptstadt des Landes. Der erste Kontakt war ein anscheinend über meine Einreise höchst erfreuter Zöllner. Der Zweite eine nette Chilenin im Sammeltaxi und in der Stadt wurde ich auch von meiner Gastmutter gleich freundlich auf­genommen und in mein kleines Zimmer mit Internet im Zentrum Santiagos eingeführt. Etwas irritierend war der Dauerregen an den ersten Tagen. Es war noch Winter und sehr kalt. Im Zimmer (14°) habe ich während der ersten zwei Wochen bitterlich gefroren.

 

Das Leben in der Hauptstadt ist vergleichbar mit einer deutschen Großstadt. Der Kulturschock war also nicht bedeutend (man kann sagen, Chile ist Lateinamerika für Anfänger). Was auffällt ist, dass es fast nur dunkelhaarige Menschen gibt. Die Hautfarben sind von hell bis dunkel gut gemischt, was ich sehr angenehm fand und was gleich dem Vorurteil ent­ge­gen­steht, dass alle Menschen im Land eher dunkler Hautfarbe sein müssten. Auch gibt es große, kleine, dicke, dünne, hässliche und schöne. Und was mir wirklich oft begegnet ist waren freundliche Menschen. Mit dem Begrüßungszeremoniell war ich anfangs etwas überfordert. Alle anwesenden Frauen werden grundsätzlich mit einem Kuss auf deren rechte Wange begrüßt. Männer mit einem Handschlag oder, hatte man sich gern, mit einer Umarmung und einem herzlichen Klopfen auf den Rücken. Grundsätzlich sind sich die Menschen auf diese Art näher und man fühlt sich gleich aufgenommen in die Gemeinschaft. Als Mann freut es einen auch, einfach alle netten Frauen küssen zu dürfen. Welch erhebendes Gefühl. Wobei man natürlich auch alle anderen küssen muss. So ist das eben! ;-)

 

Kommen wir zum Praktikum. Meine Praxisstelle war die Nichtregierungsorganisation SEDEJ (Servicios para el desarollo de los jóvenes – Dienste für die Entwicklung von Jugendlichen), die ihren Hauptsitz im Zentrum von Santiago hat. Bei dem Namen der Organisation kann man vermuten, dass sie sich hauptsächlich um Kinder und Jugendliche kümmert und tatsächlich, wenn man die Geschichte der Organisation betrachtet, findet man die Ursprünge in diesem Bereich. Gegründet wurde die Vorläuferorganisation von Mitgliedern eines Jesuitenordens die sich um die Belange von armen Kindern und Jugendlichen kümmern wollten. Da die Brüder sich irgendwann verpflichtet sahen nicht nur katholischen jungen Menschen zu helfen,  sondern allen, überführten sie die ehemals katholische Organisation in eine weltliche, gaben ihr den Namen SEDEJ und waren somit für alle jungen Menschen offen. Heutzutage hat sich das Aufgabengebiet auf nahezu alle Bevölkerungsgruppen ausgedehnt.

 

In dem Projekt an dem ich Teilnehmen durfte ging es um Gemeinwesenarbeit und/oder Community Organizing. Konkret heißt das: Wiederherstellung eines lebenswerten Stadt­viertels, Verwurzelung persönlicher und gemeinschaftlicher Identität und organisatorische Stärkung. Um diese Ziele zu erreichen wurden viele verschiedene Methoden eingesetzt. Zuerst wurde Gespräche mit den Menschen auf der Straße geführt was letztlich zu einem Zusammenschluss aus interessierten und engagierten Menschen führte, dem Bürger­ent­wicklungsrat. Aus diesem bildeten sich nach und nach verschiedene Kommissionen welche für verschiedene kulturelle, soziale, informelle und sportliche Projekte zuständig waren. Alles immer noch mit beratender oder leitender Funktion meines Teams.

All diese Aktivitäten waren dazu da, dass sich die Menschen kennen lernen konnten und sich mit sich und ihrem Stadtviertel und anderen Menschen auseinander setzen mussten. Auf diese Weise lernten sie neue Formen des Zusammenseins, der Kommunikation, des Denkens und mit meinem Mitpraktikanten aus England und mir auch noch andere Kulturen kennen.  

 

Hier noch kurz zur Zusammensetzung des Teams. Es war multidisziplinär und bestand aus einer Psychologin welche die Koordinatorin (Chefin) des Projektes war, einer Sozial­ar­beiterin, einem Journalisten, einer Soziologin, einem Historiker, einer Rechtsanwältin und zwei Praktikanten. Unser Auftraggeber war das Ministerium für Wohnen und Stadt­planung was durch ein Team von zwei Architekten und einem Sozialarbeiter vertreten war.

Die Situation in dem Stadtviertel mit ca. 3600 Menschen, in dem ich gearbeitet habe, kann man folgendermaßen beschreiben. Insgesamt schlechte Lage. Infrastrukturell schlecht an­gebunden, sehr schlechter Zustand der Häuser und der Anlagen um die Häuser. Die Ab­was­ser­versorgung funktioniert nur im Sommer, im Winter steht das Fäkalienwasser auf den Wegen und öffentlichen Plätzen und umfliest die Spielplätze der Kinder. Allgemein ist es auf den Plätzen sehr schmutzig. In der ganzen Stadt herrscht eine Kultur des Wegwerfens. Die Wohnsituation ist sehr beengt. Familien leben meist auf einer Fläche von 36 m2. Das führte zu vielen, nicht erdbebensicheren und illegalen Anbauten um den Wohnraum zu vergrößern. Durch die beengte Situation entstehen viele Spannungen innerhalb der Familien die sich auch nach außen in die Gemeinschaft tragen. Dazu kommt eine hohe Arbeitslosigkeit. Und, dass es in  Chile keine soziale Grundsicherung gibt. Diese Kombination aus der Notwendigkeit des Überlebens, der Arbeitslosigkeit und der nichtvorhandenen Grundsicherung führt zu hohen persönlichen Belastungssituationen und einem hohen Anteil an illegalen Geschäften, wovon das problematischste sicherlich der Drogenhandel ist. In den Familien gibt es zudem viel Gewalt und Missbrauch.  

Mein Praktikum war vom Fortschritt meiner Sprachkenntnisse bestimmt. Am Anfang übernahm ich eine eher passive Rolle, die aus dem Beobachten der Situationen und dem Begleiten bei allen Aktivitäten und dem Aufbau persönlicher Kontakte bestand. Ein Bestandteil des Projektes war die fotografische und filmische Dokumentation. Ich übernahm den ganzen fotografischen Teil. Auf diese Weise war es einfach mit den Menschen in Kontakt zu kommen, ohne perfekt sprechen zu können. Weiter konnte ich administrative und gestalte­rische Aufgaben übernehmen. Was z. B. die Erstellung eines fotografischen Registers oder persönlicher Identifikationskarten für alle gewählten Bürgervertreter umfasste, weiter konnte ich bei der Organisation von Aktivitäten oder Veranstaltungen helfen (z. B. bei einer Fol­klore­nacht oder der Wahl der Bürgervertreter) und selbst zwei fotografische Ausstellungen organisieren. Die zweite der Ausstellungen war das Ergebnis eines Foto-Workshops, den ich in den letzten zwei Monaten meines Praktikums mit Jugendlichen zum Thema „Mein Stadt­viertel“ durchführen konnte. Mich hat jede dieser Arbeiten begeistert auch wenn ich irgend­wann nur noch meinen Klappcomputer benutzt habe da die dortige PC-Ausstattung nicht wirklich prickelnd war. Wobei sie bei 3 PCs inkl. Internet auch nicht schlecht war. Unser Büro hatte sogar eine kleine Küche, in der unser Team häufig leckeres Essen kochte oder von Bewohnern bekocht wurde. Auch wurden wir ab und zu eingeladen, oder man brachte uns landestypische Köstlichkeiten vorbei. Wirklich lecker!

 

Wie schon am Anfang gesagt waren das Praktikum und der ganze Aufenthalt in Südamerika sehr genial. Das hier beschriebene ist nur ein ganz (ganz, ganz) kleiner Teil der Erfahrungen, die ich machen konnte. Neben den überwiegend positiven Erlebnissen gab es auch einige wenige persönliche Rückschläge und negative Erfahrungen. Aber ich hab alles überlebt und sehr viel gelernt. Meinen neuen chilenischen Freunden ging es übrigens nicht anders. Letztlich waren wir froh uns kennen gelernt zu haben.

Zu den Erlebnissen beim Praktikum kamen noch eine Reise durch Peru und ein Abstecher nach Argentinien bei dem ich fast des Landes verwiesen wurde, eine Vulkanbesteigung bei der ich mal wieder meine körperlichen Grenzen spüren durfte und zu alldem war ich noch in eine politische Wahlkampagne eingebunden bei der letztlich die erste Mittelinkspartei die Regierung in einer ärmeren und geschichtlich hochbrisanten Kommune von Santiago seit dem Ende der Diktatur übernahm.

Zum Schluss noch einen herzlichen Dank an alle die an mich gedacht und mich unterstützt haben. Daheim, in Chile oder wo auch immer auf der Welt. J

 

Übrigens: Tränengas ist nicht wirklich angenehm…

 

Sollte jemand mehr wissen wollen, darf er oder sie mich gerne jederzeit kontaktieren.

Per Mail bzw. Telefon, oder kann auf meinem Blog im Netz auf Erkundungstour gehen.

 

Mail: michael.welss@gmx.de      -     Blog: chile.over-blog.de

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