Psychosoziale Arbeit mit kriegsgeschädigten Menschen

Veröffentlicht auf von Chili


Trauma und Traumatisierung

 

Einige Überlegungen zu der Tauglichkeit dieses Begriffs für die psychosoziale Arbeit mit kriegsgeschädigten Menschen und Flüchtlingen

 

In der humanitären Hilfe und psychosozialen Arbeit mit kriegsgeschädigten Menschen und Flüchtlingen hat der Begriff des »Traumas« einen nicht mehr weg zu denkenden Stellenwert gewonnen. Dies ist ein Fortschritt. Es bedeutet, dass sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass sich Hilfsangebote und Lösungen in Kriegs- und Krisenregionen nicht nur auf einer politischen und ökonomischen Ebene anzusiedeln haben. Die Unterstützungsangebote müssen sich an die dort lebenden Menschen richten und dabei auch deren Eingebundenheit in ihre geschichtlichen und sozialen Prozesse berücksichtigen. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass Traumatisierung« losgelöst von dem jeweiligen politischen Kontext betrachtet wird und psychosoziale Probleme individualisiert und psychologisiert werden.

 

In den vergangenen 10 Jahren hat der Begriff der »Traumatisierung« nicht nur vermehrt Anerkennung in der Fachwelt erfahren. Er hat Eingang in die Medien gefunden und wird inzwischen, wenn auch eher inflationär, in der Alltagssprache benutzt. Berichte über Unfälle, Naturkatastrophen, Kriegshandlungen, Folter, aber auch über schwere Erkrankungen kommen nicht mehr ohne ihn aus.

 

Es ist durchaus ein Fortschritt, dass die subjektiven Erfahrungen und psychischen Folgen solcher schwerwiegender Ereignisse mehr Berücksichtigung finden. So wurden von den Opfern des Hurrican Mitch in Nicaragua die Fragen von Journalisten und internationalen Helfern, die sich nicht nur nach den zerstörten Häusern erkundigten, sondern sie auch nach ihren Gefühlen, mit Erstaunen und Freude aufgenommen. Diese erhöhte Sensibilität kann sich aber leicht ins Gegenteil verkehren, wenn mit quasi normierten, technisch anmutenden Vorstellungen von »Traumatisierung« an jede Klientel herangetreten wird, die mit einem erlebten Trauma in Zusammenhang gebracht wird.

 

Was die Situation der Menschen in Kriegs- und Krisenregionen sowie in Ländern, in denen Diktaturen herrschen, anbetrifft, ist es natürlich positiv, dass der Tatbestand komplexer Traumatisierungsprozesse als Folge massiver Menschenrechtsverletzungen inzwischen anerkannt ist. Aber es macht trotzdem Sinn, das Konzept, das dem Verständnis von Traumatisierung zugrunde liegt, auf seine Tauglichkeit zu überprüfen.

 

Schaut man auf den Ursprung des Begriffs, so kommt das Wort »Trauma« aus dem Griechischen und bedeutet »Wunde«. In der Psychologie hat es eine analoge metaphorische Verwendung gefunden, nämlich einen Zusammenbruch einer psychischen Struktur in Reaktion auf ein sie überforderndes Ereignis. Im Kontext der psychosozialen Arbeit mit kriegsgeschädigten Menschen liegen die traumaauslösenden Ereignisse in den politischen und sozialen Verhältnissen. Ein Trauma, das in Folge der politischen und sozialen Geschehnisse zustande kommt, hat einen sehr anderen Charakter als eines, das aufgrund eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe erlitten wird.

 

Bei einem psychosozialen Trauma handelt es sich um ein »man made desaster«. Es bezieht sich immer auf Individuen wie auch gleichzeitig auf die gesamte Gesellschaft. Es hat Prozesscharakter, bleibt somit nie auf ein Einzelereignis beschränkt und ist immer nur in Bezug auf einen spezifischen soziokulturellen Kontext zu verstehen.

 

Für die diagnostische Einschätzung einer Traumatisierung wird i.d.R. auf das Konzept des Post Traumatic Stress Disorder (PTSD) rekrutiert, einem Konzept, das Traumatisierungsprozesse einer Kategorie innerhalb psychischer Erkrankungen zuordnet und sie damit individualisert. Dem posttraumatischen Stress nach DSM IV, bzw. der posttraumatischen Belastungsstörung nach ICD 10 wird ein einmaliges Ereignis zugrunde gelegt, das die entsprechenden Folgen nach sich zieht. Hier liegt die Schwäche des Trauma-Konzepts. Das Trauma wird nicht über den auslösenden Kontext definiert, sondern über die möglichen Symptome, die aus den seelischen Erschütterungen resultieren können. Die gesellschaftliche Dimension wird dabei außer Acht gelassen. Es findet zwar die Tatsache Anerkennung, dass soziale Realitäten, wie Kriege und Repression schwere psychische Folgen nach sich ziehen können, doch werden diese sozialen Verhältnisse gewissermaßen entpolitisiert im Sinne eines Stressfaktors unter vielen. Damit lässt sich das Wechselverhältnis zwischen gesellschaftlichen Ursachen und individuellen Reaktionen nicht adäquat nachvollziehen. Der politisch-gesellschaftliche Kontext der psychischen Verletzung und der so genannte »man-made« Anteil der zerstörerischen Lebensbedingungen geraten so aus dem Blick und es bleibt in diesem Konzept völlig unberücksichtigt, dass eine traumatische Erfahrung auch im Rahmen eines längeren Prozesses gemacht werden kann.

 

Die Unterstellung eines monokausalen Zusammenhangs zwischen einem traumatischen Ereignis und postraumatischen Symptomen verdeckt somit eher die tatsächliche Komplexität der psychischen Folgen. Kritiker des Trauma-Konzepts, u. a. David Becker und die MitarbeiterInnen des Instituto Latinoamericano der Salud Mendal y Derchos Humanos (ILAS) aus Chile (1997) oder Derek Summerfield (1996) weisen schon seit langem darauf hin, dass eine getrennte Betrachtung der posttraumatischen Symptome von den politischen Ursachen der traumatischen Ereignisse die Leiden der Opfer individualisiert und die Opfer selbst pathologisiert. Dies führt genau zu der Vereinzelung, auf die die repressiven Regime abzielen. Indem mit dem Konzept der PTSD versucht wird, bestimmte Ereignisse mit ihren Folgewirkungen festzuschreiben, kann es nicht gelingen die genannten prozesshaften Verläufe wahrzunehmen (vgl. auch Becker, D. 1997, 2001)

 

Hans Keilson (1979), der lange mit jüdischen Kriegswaisen gearbeitet hat, spricht von traumatischen Sequenzen unterschiedlichen Charakters und unterschiedlicher Bedeutung. Er weist darauf hin, dass bei der Ausbildung der Symptome auch die Zeitspanne nach dem traumatischen Ereignis eine wichtige Rolle spielt. So wirkt z. B. der Flüchtlingsstatus gemäß dem bundesdeutschen Asylrecht und eine permanent drohende Abschiebung oft als eine erneute traumatische Sequenz und kann bei den Flüchtlingen Verzweiflung bis hin zum Suizid auslösen.

 

Um einer traumatisierten Person wirklich gerecht zu werden und ihre psychischen Beschädigungen zu verstehen, ist es notwendig das traumatische Ereignis möglichst genau in seinem spezifischen Kontext, in den es sich ereignet hat, zu definieren. Die traumatischen Erfahrungen der Menschen in Bosnien sind nicht die gleichen wie die der Menschen in der Türkei oder mit den Erfahrungen chilenischer Opfer gleichzusetzen. So schreibt die Psychiaterin Paz Rojas Baeza (2001) über ihre Arbeit in der chilenischen Menschenrechtskommission CODEPU (Comité de Defensa de los Derechos del Pueblo), dass selbst unter den vergleichbaren politischen und sozialen Bedingungen die Folterungen bei den Menschen so viele unterschiedliche individuelle Symptome hervorgerufen haben, dass sie wohl dominante Merkmale beobachten konnte, aber kein 'Post-Folter-Syndrom'.

 

Ausblick

 

Psychosoziale Arbeit, unabhängig ob mit Flüchtlingen hier in Deutschland oder im Rahmen von Hilfsangeboten in den betroffenen Ländern, sollte auf der Grundhaltung eines konzeptionellen Verständnisses der gesellschaftlichen Bedingungen von Traumatisierung basieren. Ignacio Martin-Baró (1990) verweist dabei auf den »dialektischen Charakter, der von dem Erleben des lang anhaltenden Krieges aufgerissenen Wunde«. Der jesuitische Sozialwissenschaftler wurde 1989 in El Salvador von den Sicherheitskräften ermordet. Sein Verdienst war es, aufzuzeigen, wie sich aus Kriegssituationen resultierende Traumatisierungen chronifizieren, wenn sich die gesellschaftliche Situation, wie z.B. die Militarisierung des Alltags und die Polarisierung der Menschen, nicht verändert. Umgekehrt können auch gesellschaftliche oder politische Ereignisse verdrängte traumatische Erfahrungen reaktivieren. So hat die ignorante Haltung der südafrikanischen Regierung gegenüber den Entschädigungsansprüchen der Apartheidopfer viele Südafrikaner, die vor der Wahrheitskommission Zeugnis über ihre Erfahrungen ablegten, in Verbitterung und Depression verstummen lassen. Die Verhaftung des chilenischen Diktators Pinochet und die Aufhebung seiner Immunität hat wiederum viele Menschen dazu veranlasst, Kontakt zu Beratungs- und Behandlungszentren in Chile aufzunehmen und über Geschehnisse zu sprechen, über die sie bislang nie gesprochen hatten (vgl. auch Merk, U. 2001).

 

Vor allem David Becker (1997) hat immer wieder darauf hingewiesen, dass im Zentrum jeder psychosozialen Arbeit die Anerkennung und die Entprivatisierung des Leids stehen muss. Denn nur diese Anerkennung ermöglicht es dem Menschen, die notwendigen Trauerprozesse zuzulassen und sich aus der von den repressiven Regimen beabsichtigten Vereinzelung zu lösen. Psychosoziale Traumatisierung beinhaltet Verletzungen, denen allein nicht nur auf der Ebene der Psychotherapie begegnet werden kann. Es muss in den Unterstützungsangeboten immer auch um eine Einflussnahme auf die Ursachen der Verletzungen gehen; denn finden dabei politische Bedingungen keine Berücksichtigung, so ist das Risiko groß, dass jede psychotherapeutische Arbeit ohne Wirkung bleibt.

 

Dipl.-Psych. Dr. Ulrike Heckl

 

Aus: Report Psychologie 1/2003

 

Diesen Text finden Sie auch im Internet unter der Adresse

www.BDP-Verband.org/bdp/idp/2003-1/11.shtml

Veröffentlicht in Soziales und Wissenswertes

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