Von Dieben Räubern und andere Schlägen 1/2

Veröffentlicht auf von Chili

Im Praktikum


  

Chile ist im Großen und Ganzen ein ruhiges, friedliches und schönes Land mit sehr freundlichen Menschen und einmaligen Naturlandschaften. Aber wie alles Gute hat auch dieses so beschauliche Land seine Schattenseiten
und von diesen will ich hier berichten.

 

Alles hier beschriebene ist nicht erfunden und wurde so erlebt. Namen wurden nicht geändert und können, sofern
Spanischkenntnisse vorhanden sind, befragt werden.

 

Dinge passieren, manchmal ist es Unvorsichtigkeit manchmal Dummheit aber wohl in den meisten Fällen einfach Schicksal. Der jüngste Schlag traf mich gestern (06.01.07). Ich saß bei einer Versammlung und zack, traf mich der Schlag. Alle sahen zu mir rüber und hatten Gesichter von Mitleid bis Lachen. Was war geschehen? Wieder einmal hatte jemand vergessen den Stecker des Kühlschranks, nach dem Gebrauch der Mikrowelle, wieder an seinen Platz
zu bringen…

 

Die mitleidigen Gesichter hatten allerdings nicht den Stromschlag zum Grund, nein das lag daran dass sie Mitleid mit mir hatten, weil das der dritte Schlag war der mich an diesem Tag traf. Gestern hab ich zum ersten Mal am
eigenen Leib erfahren wie gefährlich mein Arbeitsplatz wirklich sein kann.

Zurzeit gibt es hier eine Gruppe von Bewohnern die ein Theaterstück einüben. Da ich spät dran war und alle anderen schon dort waren, lief ich allein mit meiner Kamera durch die Häuserblocks zum Proberaum um Fotos der
Theaterprobe für unseren Abschlussbericht zu machen. Soweit ging noch alles gut.

Der Heimweg war weniger erfolgreich. Wieder allein, da ich zur nächsten Besprechung rechtzeitig erscheinen wollte, lief ich die Hauptstraße entlang und wie immer, wenn man hier an Gruppen von Kindern und Jungendlichen vorbeikommt, wollten zuerst ein paar Kinder und dann, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ein paar Jugendliche Fotos von sich. Die Kinder waren kein Problem nur bei den Jugendlichen gab es Unstimmigkeiten, da sie nachdem sie mich aufgefordert hatten ein Foto zu machen doch keines mehr wollten. Da sie auch noch eine große Bierflasche dabei hatten und ich sie gern ignoriert hätte hab ich also kein Foto von ihnen gemacht. Hatte allerdings die Kamera, nach der ersten Aufforderung schon kurz am Auge. Wie auch immer, sie waren neugierig auf mich (oder auf die Kamera) und ich irgendwie auch auf sie und da sie mir jetzt wanken zu ihnen zu kommen ging ich hin um mit ihnen zu reden (in manchen Fällen ist es besser mit Betrunkenen kurz zu reden bevor man einfach geht und sie einem dann aggressiv hinterherlaufen). Die Kamera hatte ich fest in der Hand, und der Kameragurt war fest um den Arm gewickelt. Sie wollten wissen wer ich bin und was ich hier mache. Ich sagte es ihnen und erkundigte mich gleich nach dem Graffiti auf das sie mich kurz vorher schon hingewiesen hatten. Plötzlich saß ich da mit einem Würgegriff um den Hals und konnte mich fast nicht mehr bewegen. Unbequem. Zwei meiner zuvor vier Gesprächspartner wussten auch nicht so genau was sie machen sollten bis der Würger den dritten aufforderte mich doch um die Kamera zu erleichtern, was dieser dann auch tatkräftig tat und heftig daran zerrte. Ich konnte mich zum einen kaum regen und zum anderen hätte mehr Gewalt meinerseits sicher zu noch mehr Gewalt auf der anderen Seite (und von allen) und zum Verlust meiner Kamera geführt. Ich versuchte also meine Kamera so gut es ging festzuhalten und ihnen zu sagen dass ich für sie und nicht gegen sie arbeite und dass ich deshalb hier wäre. Und das so lange bis ich fast keine Kraft mehr hatte meine Kamera zu halten und sich auch schon ein Riemen gelöst
hatte. Was sie wohl nicht bemerkt hatten, da sie mich plötzlich losließen und ich, nach einem Tritt in die Rippen und noch einem abschließenden Schlag an den Hals, mit meiner Kamera, das Feld räumen durfte. Was für ein unglaubliches Glück. Jetzt also mehr Glücklich als Niedergeschlagen, lief ich erstmal in unser Büro zurück um mich von dem Schreck zu erholen. 

Alles war schnell erzählt und hat sich auch unglaublich schnell herumgesprochen. Von allen Seiten kamen sie und fragten wie es mir geht und was denn passiert sei usw.

 

JETZT kamen alle, vorher kam keiner!

 

Als ich im Schwitzkasten auf der Wiese lag kam niemand um mir zu helfen. Und ich sah einige Frauen auf dem Gehweg vor ihren Häusern sitzen und wie sie dem Schauspiel gespannt, aber eben untätig, zusahen. Und neben den Kindern, die ich auch noch gesehen hab, gab es sicher noch mehr Menschen die mir durchaus hätten helfen können. Ich war echt sauer, dass keiner kam. Das sich keiner auch nur ein Stück gerührt hat. Was mich noch sehr erstaunt hat war, dass mich die vier Jungs nicht gekannt haben. Wo ich doch seit 4 Monaten hier jeden Tag durch alle möglichen Häuserblocks laufe und ich, der Ausländer, der Gringo (früher, böse gemeint, für Menschen aus den USA, heute, böse oder auch nicht, kommt immer drauf an wer es sagt und wie, für alle Ausländer verwendet) schon auffalle. Aber es scheint immer noch einige Leute hier zu geben die nichts von alledem mitbekommen was wir hier machen. Fast nicht zu glauben.

 

Da die vier Jugendlichen eher arm dran sind als wirklich böse und mir letztendlich nicht viel passiert ist und nichts geklaut wurde, wollte ich sie ohne Kamera noch mal zur Rede stellen. Allein. - Es kam aber anders.

Bei uns im Büro war gerade ein Mitarbeiter der Kommunal­ver­waltung, der seit über 10 Jahren mit den Kindern unseres Stadtviertels arbeitet. Er bot sich gleich an mit mir die Vier zu besuchen da er sie schon seit klein auf kenne und mich ihnen vorstellen könne. Wir gingen also zurück, wo, jetzt nur noch drei, immer noch an der gleichen Stelle in der Wiese saßen und ruhig warteten bis wir bei ihnen ankamen. Einer verband sich grad eine große, sehr tiefe, wüst aussehende Wunde am Zeigefinger. Schusswunde.

Ich wurde ihnen jetzt richtig vorgestellt und konnte sie zur Rede stellen. Wie sich herausstellte kam heraus, dass sie dachten, ich wäre ein Spitzel der Polizei, der Fotos macht um sie zu denunzieren (die Polizei hat in den armen Vierteln keinen guten Ruf). Nachdem wir uns noch eine Weile unterhalten hatten und ich ihnen abschließend noch erklären konnte dass es durchaus auch die Möglichkeit gibt einfach zu fragen ob man die Bilder (die es in dem Fall gar nicht gab) sehen könnte oder löschen könnte, gingen wir wieder zurück ins Büro.

Von dem Mitarbeiter der Kommune und aus dem Gespräch mit den drei Jungs konnte ich dann noch ein paar Dinge erfahren. Die Schusswunde stammte aus den letzten Tagen, von einem Konflikt den eine Gruppe dieses Stadtviertels mit einer Gruppe eines anderen Stadtviertels hatte bzw. noch haben. Sah echt böse aus. Aber die Jungs hatten alles, von Jod bis zum Verbandsmaterial dabei und schienen keine andere Hilfe zu brauchen und auch nicht zu wollen. Dann noch was es mit dem kleinen Grabgedenkhäuschen, auf der anderen Straßenseite, auf sich hat. Hier Wurde ein Freund der drei erstochen. Daneben auf einer Wand noch ein Graffiti zum Gedenken an dieses Ereignis.

Wenn man also bedenkt, wie hier manchmal miteinander umgegangen wird und wie wenig die Drumrumstehenden tun, kann man durchaus sagen, dass ich unglaubliches Glück hatte.

 

Heute viel mir dann auch wieder das Erlebnis ein das ich letztes Jahr mit Claudia im Stadtviertel Las Viñitas hatten, als wir auf dem Weg zu einer Besprechung mit Joel waren. Hier kam plötzlich und schnell ein relativ großer Geländewagen an uns vorbei gebraust und hat kurz danach rechts, neben einem Vater, mit kleinem Kind auf dem Arm, angehalten. Im Auto vier junge Männer in bester Stimmung die dann den Mann verbal bedrohten und ihm Schimpfwörter an den Kopf warfen. Er ging hinter einem Baum in Deckung und schon fuhr das Auto weiter. Quietschend ging es um die nächste Ecke und „zur Krönung“ der Situation sah man dann noch einen, seine Hand hoch aus dem Fenster gestreckt, mit einer Pistole in der Hand fuchteln.

Damals schon hat uns Joel (spricht man Choél) erzählt, dass es zurzeit, hauptsächlich nachts, einen Bandenkrieg gäbe.  

 

Vor Weihnachten im Dezember, wieder in der Nacht gab es auch noch eine größere Polizeirazzia bei der es wohl relativ viele Verhaftungen gab, wobei ich nicht genau weiß wie viele und wie lang die Leute verhaftet wurden. Kurz nach dem Tag der Verhaftungen hat uns ein sehr netter Columbianer im Büro besucht. Er lebt mit seiner Familie in Las Viñitas als eine Art Missionar der evangelischen Kirche. Er hat ein abgeschlossenes Sportstudium und studiert jetzt noch Ingenieurwesen in Santiago, nebenher realisiert er im Stadtviertel für das Ministerium Sportprojekte mit Kindern und Jugendlichen. Und dieser wirklich intelligente und supernette Mensch hat uns erzählt, dass er nach der Festnahmeaktion fast keine Teilnehmer mehr hatte. Allerdings nicht nur weil alle Verhaftet wurden, sondern und  hauptsächlich deswegen, weil die Brüder und Schwestern der betroffenen Angst hatten danach weiter an einer Aktivität des Staates teilzunehmen.

 

Auch bei uns ist es immer ein Thema den Leuten klarzumachen dass wir, auch wenn wir hauptsächlich vom Staat finanziert werden, nicht für die Polizei oder nur für den Staat arbeiten sondern hauptsächlich für sie. Hier ist viel Feingefühl und Vertrauensarbeit gefordert. Und es ist kein einfacher Prozess das Vertrauen der Menschen zu erlangen. Aber es funktioniert!

 

Es ist wirklich sehr spannend hier!     

 

Und jetzt noch zwei kurze Erklärungen:

 

Oben habe ich erwähnt, dass es nicht nur zwei Schläge sondern drei waren, die mich gestern ereilt haben. Der dritte Schlag war eigentlich der erste und weniger mit viel als mit fast keiner Gewalt (hier Strom) verbunden.

Wir waren nachts, mit dem Auto, um ca. 2 Uhr auf dem Heimweg von Claudias Schwester, in einem entfernten Stadtviertel (Quilicura), als auf einer abgelegenen Straße parallel zur Panamerikana (der großen Straße die durch ganz Amerika führt) kurz der Motor ausging und danach auch nicht mehr anspringen wollte. Leider gibt es in Chile keinen ADAC. Am Benzin lag es nicht, auch nicht an der Batterie. Vermutlich an der Elektrik. Gut wenn man Freunde hat oder Verwandte die man nachts anrufen kann (auch geschickt wenn man ein Celular (Handy) hat). Es kamen also Dino, der Ehemann von Claudias Schwester mit seinem Vater (Mechaniker) und sie haben uns zurück zum Haus von Claudias Schwester geschleppt. Ohne Licht und über alle roten Ampeln.

Um 4:30 schlief ich dann endlich auf dem Sofa der Familie ein. Tolle Nacht. Aber Claudias Mutter hat mich gut mit Essen versorgt. Hier scheinen alle zu denken ich sei vom Hunger geplagt.

 

Die zweite Erklärung ist die, dass dieser Text hier zwar endet aber einen zweiten Teil hat. Dieser erste Teil bezieht sich auf die Ereignisse im Praktikum im zweiten wird es um die Ereignisse in Santiago und im übrigen Chile gehen.

 

 

 

Veröffentlicht in Praktikum in Chile

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Nachtwächter 01/13/2009 16:52

Oh je, was muss ich hier lesen....
Aber was hast du gemacht, dass du einen Stromschlag bekommen hattest? Waren deine Hände mal wieder dort, wo sie eigentlich nicht sein sollten?

Christiane 01/07/2009 15:21

Herr Welß, Sie sollen doch auf sich aufpassen, wenn es sont keiner tut!!!

Mach es doch so wie ich, Schenk deiner Person soviel Beachtung, sodass kein Auge mehr für das Zeug oder Gepäck oder wie auch immer mehr übrig bleibt. So bleibt deine Person verschont, wenn auch ohne Hab und Gut...

Ich weiß, dir ist die Kamera wichtig, aber sie ist ersetzbar. DU NICHT!!!

Chili 04/07/2010 18:29



hab noch beides: Kamera und Mich!