Gemeinwesenarbeit (GWA) hat zwei historische Wurzeln:
Die eine führt zu den Regierungen der nachkolonialen Zeit sowie der UNO und verfolgt als community development (CD) das Ziel der
Aktivierung der lokalen Bevölkerung und der Demokratisierung der innerstaatlichen Strukturen im Zusammenhang mit den nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Entkolonisierungsprozessen.
Die andere führt nach England und den USA zur Settlementbewegung ab etwa 1870. Welche, je nach Gründungsgeneration, verschiedene Ziele
verfolgte:
Überwindung der Klassengegensätze mittels konkreter Überlebenshilfe, Bildung, Errichtung oder Erkämpfung einer stadtteilbezogenen
medizinischen, sozialen wie kulturellen Infrastruktur (Toynbee Hall in London, Hull House in Chicago, Henry Street in New York als die bekanntesten).
Hull House engagierte sich auch bei der Gründung von Gewerkschaften, der Progressive Party, der Einführung progressiver Kindergarten-
und Schulmodelle, der Frauen- und Friedensbewegung.
Sozialenqueten zur sozioökonomischen Lage der deprivierten (Slum-) Bevölkerung sowie das forschungsbezogene Studium sozialer Probleme
dienten als Basis für die Erkämpfung sozialer Reformen (Arbeits- und Schulgesetzgebung, Migrationspolitik, Frauenhandel usw.). Während des Ersten Weltkrieges engagierten sich die Frauen von Hull
House, insbesondere Jane Addams (spätere Friedensnobelpreisträgerin von 1931 sowie erste Präsidentin der Women's International League of Peace and Freedom), auf diplomatischem Wege für die
Beendigung des Krieges durch Verhandlungen anstelle der Sieg-Niederlage-Logik.
In der Schweiz bzw. im deutschen Sprachraum wird GWA seit etwa 1960 an den Hochschulen für Soziale Arbeit gelehrt und in Freizeit-,
Gemeinschafts- und Kulturzentren, in Siedlungen, Quartieren/Stadtteilen und Regionen praktiziert. Sie umfasst allerdings ein kleineres Spektrum von Handlungsfeldern als ihre historischen
Vorläufer.
Weltweit betrachtet ist sie seit etwa 1990 integraler Bestandteil eines sich globalisierenden Sozialwesens/Dritten Sektors, in welchem
soziale Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen, lokale Produktionsgenossenschaften und globale Netzwerke zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Ausgangspunkt für GWA sind verschiedene Formen von sozioökonomischer Not, Umweltzerstörung, hohe Erwerbslosigkeit- und
Bildungsdeprivationsraten, fehlende oder zerstörte Infrastruktur, ferner interkulturelle Konflikte, Rassismus und Ausgrenzung, Gewalt. Ansprechpartner der sozialen Veränderung sind die Mitglieder
eines sozialräumlichen, organisationellen oder zielgruppenspezifischen Gemeinwesens – gewissermaßen als Sozialbürger.
Die zur Verfügung stehenden Problemerfassungsmethoden sind u.a. Sozialenqueten, narrative Interviews, Bedürfnis-, Sozialraum- und
Organisationsanalysen, partizipative Handlungsforschung. Dazu kommen Methoden der Projekt- und kommunalen Sozialplanung sowie der Ermächtigung und Entwicklung einer demokratischen
Beteiligungskultur, die sich an Menschenrechten orientiert. Dabei haben sich sowohl auf Konsens und Kooperation als auch auf Protest, Widerstand und Konflikt orientierte Theorietraditionen und
Verfahren entwickelt.
Als erste Theoretiker und Handlungstheoretikerinnen der GWA sind u.a. Henri de Saint Simon, Karl Marx, Jane Addams, John Dewey, Pjotr
Kropotkin und Pierre-Joseph Proudhon, Kurt Lewin, Murray Ross, Paolo Freire, Saul D. Alinsky zu nennen.
Ob GWA heute als Nachbarschaftshilfe in der Tradition der Settlementbewegung, community organizing in der konflikttheoretischen
Tradition von Alinsky, als Solidarökonomie, kommunale Sozialplanung, Quartiermanagement im Rahmen des Projektes Soziale Stadt, als Sozial- und Kulturpolitik definiert wird - ihr übergeordnetes
Ziel ist das folgende:
Menschen, die den Glauben an eine Verbesserung ihrer individuellen wie mit anderen geteilten Lebenssituation verloren haben, sollen
befähigt werden, miteinander zu lernen und mittels gegenseitiger Hilfe, Ressourcenerschließung, Öffentlichkeitsarbeit, Einflussnahme auf Machtträger und sozialer Verteilungsregeln usw. die sie
betreffenden sozialen und kulturellen Probleme zu mildern oder zu lösen.
Literatur:
Hubert Campfens,
Community Development around the World: Practice, Theory, Research, Training, University of Toronto Press, Toronto 1997
Wolfgang Hinte, Maria Lüttringhaus, Dieter Oelschlägel, Grundlagen und Standards der
Gemeinwesenarbeit, Votum, Münster 2001
Heinz Ries, Susanne Elsen, Bernd Steinmetz, Hans-Günter Homfeldt (Hrsg.), Hoffnung
Gemeinwesen. Innovative Gemeinwesenarbeit und Problemlösungen in den Bereichen lokaler Ökonomie, Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Benachteiligung, Luchterhand, Neuwied 1997.
von Silvia Staub-Bernasconi
Quelle:
Sozialinfo – Wörterbuch der Sozialpolitik
http://www.socialinfo.ch/cgi-bin/dicopossode/show.cfm?id=243
Andere Links zum Thema:
forum-community-organizing:
http://www.fo-co.info/
Gemeinde und Gemeinwesen:
http://adigwe.de/index.php/future/gemeinde-und-gemeinwesen/